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2015 – Weimar

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„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“

(Johann Wolfgang von Goethe – Wilhelm Meisters Lehrjahre)

Zur Weimar-Exkursion des Instituts für Kunstgeschichte vom 11. bis 13. Februar 2015 mit Prof. Dr. Dickel.

Diesem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe folgend führte das Oberseminar „Weimar und seine Museen“ zehn Studentinnen unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Dickel und in Begleitung von sieben Gasthörerinnen und Gasthörern in die Klassikerstadt Weimar.

Mittwoch, 11.02.2015

Nach der gut dreistündigen Zugfahrt und dem Check-in erhielten wir  bei einer Stärkung in der Innenstadt einen ersten Eindruck der Stadt, die 1999 zur Kulturhauptstadt Europas gewählt wurde  und deren historische Stätten  der Klassik und des Bauhauses dem UNESCO-Weltkulturerbe angehören.

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Wir begannen unser offizielles Programm im Residenzschloss, das seit 1923 überwiegend als Museum genutzt wird. Seinen Kernbestand bildet die ehemalige großherzogliche Kunstsammlung vom Mittelalter bis zur Moderne um 1900. Dort setzten wir uns – eingeleitet durch ein Referat – mit Lucas Cranach dem Älteren und der Ikonographie der Reformation auseinander. Im Besonderen betrachteten wir das Porträt von Luther als Junker Jörg und das Doppelporträt des Johann Friedrich von Sachsen und Sibylle von Cleve sowie Cranachs Darstellung der Caritas und des „Gesetz-und-Gnade“-Motivs.

Anschließend rückte eine Kommilitonin mit ihrem Wissen die Ausstattung des Schlosses in unseren Fokus. Höhepunkte waren der Festsaal, das Treppenhaus und das Zedernzimmer. Der Festsaal wurde nach Plänen von Johann Arens erbaut und ist mit einer rings umlaufenden Säulengalerie und vier Musen-Statuen von Christian Friedrich Tieck sowie der kontrovers diskutierten Ildefonso-Gruppe auf einem der gusseisernen Öfen ausgestattet. Das von Heinrich Gentz erbaute Treppenhaus enthält Gipsfiguren antiker Gottheiten und Figurenreliefs von Friedrich Tieck. Diese stellen den Herzog als Förderer der Künste und der Wissenschaften sowie als Landesvater dar. Besondere Beachtung erhielt das ebenfalls von Gentz ausgeführte Zedernzimmer zu Ehren Maria Pawlownas. Das Zimmer enthält ein durchdachtes ikonographisches Bildprogramm, in diesem werden die Rollen und Pflichten der Erbprinzessin als Ehegattin, Tochter und Schwester in mythologischen Szenen darstellt. Aber auch die Zweckmäßigkeit des Raumes als Gesellschaftszimmer wird durch Allegorien betont.
Am späten Nachmittag führte uns ein gemütlicher Spaziergang durch den Park an der Ilm zu Goethes Gartenhaus. Das ehemalige Weinberghaus war bis zu Goethes Umzug 1782 an den Frauenplan dessen erster Wohn- und Arbeitsort in Weimar. Unter anderem entstand dort seine Ballade „Erlkönig“. Der Weg führte weiter hinauf zum Haus am Horn, das als Versuchshaus zur ersten Bauhaus-Ausstellung aus dem Entwurf von Georg Muche entstand. Den architektonischen Bezugspunkt bildet der große Hauptraum in der Mitte, um den die weiteren Räume des Hauses „wabenartig“ orientiert sind. Als Höhepunkt der Ausstellung gedacht sollte das Musterhaus die Entwicklungen und Prinzipien des Bauhauses der Öffentlichkeit näher bringen. Dieser Anforderung wird es auch heute noch als UNESCO-Weltkulturerbe gerecht.

Aufgrund der Kälte an diesem Tag teilte sich die Gruppe anschließend auf. Ein Teil ging zum Aufwärmen zurück in die Unterkunft, der andere gestaltete das Freizeitprogramm mit einem weiteren Abstecher zum Römischen Haus.

Donnerstag, 12.2.2015

Da das Weimarer Schlossmuseum eine Fülle von interessanten Objekten für die Besucherinnen und Besucher bereithält und die Öffnungszeiten im Winterhalbjahr keine vollständige Besprechung der Inhalte an einem Tag erlaubten, starteten wir auch am Morgen des zweiten Tages unserer Exkursion im Stadtschloss Weimar. Den Anfang bildete vor Öffnung der Museumspforten die Erörterung der Baugeschichte des Weimarer Residenzschlosses. Die heutige Anlage ging aus einer mittelalterlichen Wasserburg hervor und wurde 1789, nach einem großen Brand, unter Leitung von Herzog Carl August und unter Einbezug von Johann Wolfgang von Goethe im klassizistischen Stil wieder aufgebaut. Bereits 1803, zur Hochzeit des Erbprinzen Carl Friedrich mit der russischen Zarentochter Maria Pawlowna, mussten die Wohnräume, die wir tags zuvor betrachtet hatten, fertiggestellt sein.

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Im Museum beschäftigten wir uns dann – durch ein Referat geleitet – mit dem Selbstverständnis von Künstlerinnen wie Anna Dorothea Therbusch, die sich in ihrem Selbstbildnis als intellektuelle und gebildete Künstlerin darstellt und Angelika Kauffmann, deren Salon und Atelier in Rom wichtige Anlaufstelle für deutsche Romreisende war, insbesondere für den Weimarer Kreis um Goethe, Herder und der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar.

Anschließend wurden die Dichterzimmer im Westflügel – entworfen von Karl Friedrich Schinkel und von der Großherzogin Maria Pawlowna zwischen 1835 und 1847 eingerichtet – in unseren Blickpunkt gestellt. Es handelt sich dabei um Räume zu Ehren von Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder, Johann Christoph Friedrich von Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. Ausgangspunkt dieses Raumensembles, das die Erinnerungs- und Gedächtniskultur des 19. Jahrhunderts widerspiegelt, war der Ankauf antiker Sarkophagreliefs mit Darstellungen zu „Iphigenie auf Tauris“. Diese Reliefs erhielten ihren Platz über den Türen an der Schmalseite des Gedächtnisraumes für Johann Wolfgang von Goethe, der von Bernhard von Neher freskiert wurde. Zwei große Wandbilder zeigen „Faust I“ und „Faust II“, die von Balladen sowie hymnischen und dramatischen Dichtungen umgeben sind. In den elf Deckenmedaillons finden sich Putten auf Goldgrund, die auf das facettenreiche Schaffen Goethes verweisen. Die Ausmalung des Schiller-Zimmers, ebenfalls durch Neher, orientiert sich stark am Casino Massimo in Rom und schafft durch die eingesetzten Tafelbilder eine größere Bildautonomie. Auch die Räume zum Gedenken an Wieland und Herder sind mit einem reichen Bildprogramm aus den Werken der Dichter  ausgestattet.
Im zweiten Obergeschoss widmeten wir uns dann dem letzten Teil der Besichtigung: Der Weimarer Malerschule. Sie entstand als Großherzogliche-Sächsische Kunstschule Weimar 1860 neben der Fürstlichen Freien Zeichenschule Weimar und wandte sich von der akademischen Tradition der idealisierten Komposition ab. Stattdessen fanden die Künstler der Weimarer Malerschule, wie bereits die Vertreter der Schule von Barbizon in Frankreich, durch das Studium der Natur zu einer realistischen Landschafts- und Genremalerei, wie uns eine Kommilitonin erklärte. So bildete sich um Karl Buchholz, Paul Baum und Christian Rohlfs eine Gruppe von Landschaftsmalern, die mit ihren grautonigen, unsentimentalen Darstellungen karger Herbst- und Vorfrühlingslandschaften einen unverwechselbaren Stil entwickelten. Durch sie wurde die Weimarer Malerschule Wegbereiter der Freilichtmalerei und spielte für die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland eine wichtige Rolle.

Die nächste Station an diesem Tag war Goethes Wohnhaus,  das uns anhand eines Referates mit einer Führung durch das Haus näher gebracht wurde. Goethe ließ das Gebäude am Frauenplan nach seinen Vorstellungen umbauen. Besonders auffällig ist das großzügige, dreiläufige Treppenhaus mit Skulpturennischen, Stuckfriesen und dem Deckenfresko der Götterbotin Iris von Johann Heinrich Meyer, dessen Regenbogen mit nur fünf Farben der Goethe´schen Farbenlehre entspricht. Im Rundgang erhielten wir sowohl Einblicke in seine repräsentativen Wohnräume und Sammlungszimmer als auch in seine privaten Arbeits- und Aufenthaltsräume mit seiner Privatbibliothek, die zum Garten hin ausgerichtet sind. Dabei spiegeln die Umbauten, die Goethe am Haus vornehmen ließ, sein klassizistisches Kunstideal wider.
Anschließend erschlossen wir uns gemeinsam das Goethe-Museum, das in einem Erweiterungsbau an das Wohnhaus angrenzt. Grundstock des Museums sind Goethes Sammlungen zur Kunst und Naturwissenschaft sowie seine Bibliothek. Diese Leistungen Goethes lernten wir somit anhand von ausgewählten Exponaten näher kennen.

Schließlich bestand die Option, uns einem Spaziergang vorbei am Haus von Henry van de Velde zum Schloss Belvedere anzuschließen. Am Abend ließen wird den gelungenen Tag mit einem geselligen gemeinsamen Abendessen im Café Frauentor ausklingen, zu dem wir dankenswerter Weise von unseren Gasthörerinnen und Gasthörern eingeladen wurden.

Freitag, 13.2.2015

Am letzten Tag unserer Exkursion trafen wir uns morgens vor dem Nietzsche-Archiv, das uns außerhalb der Besuchstage für eine Privatführung geöffnet wurde. Das Archiv wurde von Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester des Philosophen, gegründet und 1896 nach Weimar verlegt. Dort pflegte sie ihren Bruder, der in diesem Haus, der Villa „Silberblick“, im Jahre 1900 verstarb. Den Mittelpunkt des Nietzsche-Archivs und der privaten Räume des Philosophen bildet der Bibliotheksraum, der von Henry van de Velde gestaltet und mit einer marmornen Nietzsche-Herme von Max Klinger ausgestattet wurde. Van de Velde entwarf für die harmonische Ausstattung des Raumes sowohl die hölzernen Einbauten und das Mobiliar mit seinen Stoffbezügen, als auch die Öfen, Lampen und Bodenbeläge. So erreichte er einen fließenden Übergang der einzelnen Elemente und das einheitliche Erscheinungsbild des Raumes, das Geborgenheit und geistige Kraft zu vermitteln scheint.
Der nächste Programmpunkt war schließlich das Bauhaus-Museum, das uns durch ein einführendes Referat vertiefende Einblicke in die Entwicklung des Staatlichen Bauhauses und seines pluralistischen Lehrprogramms bot. Walter Gropius gegründete 1919 das Bauhaus und berief Avantgardekünstler wie Lyonel Feininger, Paul Klee und Oskar Schlemmer nach Weimar. Durch Kreativitätstraining, Teamwork zwischen Lehrenden und Lernenden und praxisorientierter Werkstattausbildung wurde die Lehre von Kunst und Technik als neue Einheit weitergegeben. Auch hier konnten wir einzelne Stücke herausgreifen und gemeinsam besprechen.

Danach besuchten wir die Stadtkirche St. Peter und Paul, die auch unter dem Namen Herderkirche bekannt ist. Dort beschäftigten wir uns mit dem Epitaphaltar von Lucas Cranach dem Jüngeren, der als herausragendes Bildnis des „Gesetz-und-Gnade“-Motivs – das wir bereits im Weimarer Stadtmuseum kennengelernt hatten – gilt. Ebenso zeigt der Altar eine Besonderheit der Ikonographie der Reformation. Durch die Aufnahme von zeitgenössischen Personen, in Form von Martin Luther als Bekenntnisträger des neuen Glaubens und Lucas Cranach dem Älteren als Stellvertreter der erlösten Menschheit, stellt dieser Epitaphaltar einen eigenständigen Weimarer Typus der „Gesetz und Gnade“-Thematik dar.

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Zur Abrundung der Beschäftigung mit dem Bauhaus an diesem Tag besuchten wir anschließend die ehemalige Kunstgewerbeschule und die Kunsthochschule, um die architektonische Gestaltung von Henry van de Velde näher zu betrachten. Beide Bauwerke stehen dem Jugendstil nahe und sind zugleich Ausdruck für die beginnende Erneuerung der Architektur auf Grundlage eines funktions- und materialgerechten Gestaltens. Im Inneren der Kunstgewerbeschule fesselte unseren Blick besonders die ungewöhnliche Belichtung des zentralen Treppenhauses mit der rekonstruierten plastisch-malerischen Wandgestaltung von Oskar Schlemmer.

Den letzten Punkt der Auseinandersetzung mit dem Bauhaus und zugleich der gesamten Weimar-Exkursion bildete das Märzgefallenen-Denkmal von Walter Gropius im Weimarer Friedhof. Das Denkmal erinnert in offensichtlicher Bauhaus-Manier an die Arbeiterinnen und Arbeiter, die während des Kapp-Putsches 1920, der durch das Inkrafttreten des Versailler Friedensvertrages ausgelöst wurde, ums Leben kamen.

Mit diesen umfangreichen neuen Eindrücken und Erfahrungen beendeten wir unseren Aufenthalt in Weimar – einer Stadt mit facettenreicher Geschichte und unzähligen weiteren Sehenswürdigkeiten.

Vielen Dank für die gemeinsame Exkursion, die umfassenden und interessanten Vorträge der Kommilitoninnen, die Leitung und inhaltliche Impulsgabe durch Prof. Dr. Dickel und das Interesse, die Unterstützung und das gemeinschaftliche Erleben mit unseren Gasthörerinnen und Gasthörern.

Text: Daniela Bogendörfer (Lektorat: Barbara Kress)

Hier finden Sie die Präsentation der Exkursion als PDF.