2011 – Sankt Petersburg

Sankt Petersburg-Exkursion (3.8.–9.8.2011)

In mehreren Vortreffen mußten die organisatorischen Probleme der Exkursion nach St. Petersburg (z. B. Visaanträge) gelöst werden. Auch einige Referate zur Stadtgeschichte bereiteten unsere Reise in die Residenz von Peter und Katharina der Großen schon in Erlangen vor. Um so mehr waren alle Teilnehmer voller freudiger Erwartung, als wir in die vormals Leningrad genannte Kulturhauptstadt des Ostens flogen. Studierende und Gasthörer wurden freundlich empfangen und der Bus fuhr über den Moskau-Prospekt vorbei an sozialistischen Prachtbauten zu unserem Quartier im historischen Zentrum der Stadt. Das offizielle Programm begann mit einem Architekturspaziergang zum Palais Stroganow, der im Stil des russischen Spätbarock von dem zur Zeit von Zarin Elisabeth tätigen Architekten Rastrelli erbaut wurde. Wir folgten der wichtigsten Prachtstraße Sankt Petersburgs, dem Nevskij-Prospekt, und betrachteten die im Spätklassizismus erbaute Kasaner Kathedrale, eine Nachahmung von St. Peter in Rom. Außerdem erfuhren wir Details über das ehemalige Singerhaus, das der gleichnamige Nähmaschinenhersteller als repräsentatives Jugendstil-Geschäftshaus errichten ließ. Zum Abschluss speisten wir gemeinsam und lernten erstmals traditionell russische Speisen kennen.

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Der zweite Tag in St. Petersburg begann mit einem Spaziergang zum Schlossplatz, den der Architekt Carlo Rossi gestaltet hatte. Im Auftrag Zar Alexander I. wurden hier das Generalsstabsgebäude errichtet und ein Steinparkett angelegt. Die Platzmitte nimmt die später aufgestellte Alexandersäule ein. Im Nord-Westen schließen der Winterpalast und die Eremitage-Gebäude das Platzensemble ab. Dank der Reiseorganisation betraten wir die Eremitage direkt, vorbei an langen Besucherschlangen, und wurden über die prachtvolle Jordantreppe in die Ausstellungsräume geführt. Hier hielten die Studierenden abwechselnd Vorträge zu ausgewählten Gemälden. Beginnend mit den italienischen Meistern des 16. Jahrhunderts, Giorgione, Tizian und Raffael, beschäftigten wir uns auch mit den späteren wie Veronese und Caravaggio, schließlich mit Rubens. Unter dem Motto „Bilder der Menge“ erschlossen wir typische Details der Gemälde von Pieter Brueghel, David Teniers, Adriaen van Ostade und anderen niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts. Im Kontrast dazu besprachen wir anhand mehrerer Gemälde die Arbeits- und Denkweise Nicolas Poussins und Claude Lorrains. Für die 8 Stunden in der Eremitage konnten wir bei einer Mittagspause in der Mitarbeiterkantine Kraft schöpfen. Am Abend, der noch lange hell blieb, gab es ein Kontrastprogramm – von den Gemälden zurück zur Stadtarchitektur und Fassadengestaltung: Admiralität und Senatsplatz mit dem Reiterdenkmal Peters des Großen von Falconet sowie Senat und Synod.

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An unserem dritten Tag gingen wir über den Alexanderplatz zur Isaakskathedrale, deren goldene Kuppel das Bild der Stadt prägt. Daneben dominieren die vier Portiken mit Säulen korinthischer Ordnung und Bronzereliefs die imposante Erscheinung des monumentalen Zentralbaus. Angesichts seiner ausschweifenden Ausstattung, die von kostbaren Säulen aus Granit und Lapislazuli bis hin zu unzähligen aufwändigen Wand- und Deckenmosaiken reicht, konnten einige Teilnehmer ihren Augen kaum trauen, doch überwog zuletzt die Skepsis gegenüber der maßlosen Prachtentfaltung. Am Nachmittag widmeten wir uns in der Eremitage zunächst den Gemälden von Caspar David Friedrich, der in Großfürst Nikolaij und dem Dichter Wassilij Shukowskij schon zu Lebzeiten große Anhänger fand. Später behandelten die Studierenden in ihren Vorträgen ausgewählte Bilder der französischen Impressionisten Cézanne, Pissarro, Monet, Signac, Gauguin. Mit Erläuterungen zu den zahlreichen Werken des Fauvisten Henri Matisse bewegten wir uns auf dem Weg der Moderne und hörten den letzten Vortrag über eine Reihe kubistischer Bilder Pablo Picassos. Ein Großteil der Gruppe ließ den Tag mit dem Ballett Schwanensee von Peter Tschaikowski ausklingen.

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Für den vierten Tag war eine Fahrt nach Peterhof geplant. Mit dem Schiff erreichten wir das am Finnischen Meerbusen gelegene Gelände mit dem gleichnamigen Schloss. 1714 wurde der Bau begonnen, den Peter der Große als Sommerresidenz nutzen wollte. Zunächst aber blickten wir von einer Brücke über den See-Kanal auf das Fontänensystem der großen Kaskade. Erste Vorträge über die Gestaltung des unteren Parks nach dem Vorbild Versailles’ und über die vielen Skulpturen wurden gehalten, so ist zum Beispiel die Darstellung des Samson bei der Bezwingung eines Löwen auf den Sieg über Schweden während des Großen Nordischen Krieges bezogen. Im Park sahen wir das Schloss Monplaisir, 1714 bis 1725 durch die Architekten Johann Braunstein und Jean-Baptiste Le Blond erbaut. Vorbei an vielen Brunnen und Wasserspielen erreichten wir das Große Schloss, auch bei dieser Dreiflügelanlage war Jean-Baptiste Le Blond am Werk, ein Umbau durch Rastrelli erfolgte in den Jahren 1747–1754. Zum Abschluss begaben wir uns  in den oberen Garten, wo die Neptun-Fontäne von 1799 unser Interesse auf sich zog. Durch Zar Paul I. war sie von Nürnberg nach Russland gebracht worden, und viele Versuche von deutscher Seite, die Figur zurück zu bekommen, blieben vergebens. Deshalb wurde eine Kopie hergestellt, die heute im Nürnberger Stadtpark zu sehen ist. Mit dem Bus ging es zurück in die Stadt, zur Peter und Paul Festung, deren Grundsteinlegung 1703 durch Peter den Großen erfolgte. Auf der Petrograder Seite widmeten wir uns der Jugendstil-Architektur. Am Mietshaus von Fjodor Lidval und an der Villa Kschessinskaja von Alexander Gogen (für eine russische Primaballerina erbaut) lernten wir die Prinzipien der russischen Ausprägung dieses Stils kennen. Gegen 20 Uhr begaben wir uns noch auf eine U-Bahn-Fahrt, um die sogenannten „Paläste der Unterwelt“ zu erkunden. Wegen des sumpfigen Neva-Deltas befinden sich die Stationen bis zu 100m tief unter der Erde. Ihre prunkvolle Ausschmückung rechtfertigte die Entscheidung für diesen Programmpunkt. Viele Säulen aus Marmor, Stuckverzierungen und Kristalllüster verwandeln die Stationen in wahre Paläste, die einzelnen Themen gewidmet sind: zum Beispiel die Station Ploschadj Vosstanija der Oktoberrevolution, die Station Puschkinskaja dem Dichter Alexander Puschkin, die Station Baltijskaja der russischen Seemacht, die Station Narwskaja den Arbeitern des sozialistischen Staates. Ein anstrengender Tag mit kontrastreichem Programm ging schließlich gegen 23.00 Uhr zu Ende.

Am Sonntag brachen wir etwas früher auf, um den intensiven Tagesplan zu bewältigen. Vorbei am Ingenieursschloss ging es zum Park des Michaels-Palais und weiter zum Platz der Künste. Ein Referat erläuterte die Architektur des Palastes von Carlo Rossi mit seiner prachtvollen Schauseite. Vor dem Denkmal Puschkins hörten wir sein Gedicht „Der eherne Reiter“ in russischer Sprache. Anschließend ging es ins Russische Museum, in dem wir von einer Kuratorin begrüßt wurden und chronologisch – gespickt mit Referaten der Kommilitonen – durch die Sammlung gingen. Über die Entwicklung der Ikonenmalerei zur russischen Kunst des 17. bis 19. Jahrhunderts, bei der man die Geschichte anhand der Aristokraten- und Zarenportraits verfolgen konnte. Nach einer Pause hörten wir Referate zum russischen Realismus (Ilja Repin), zur Moderne mit Werken von Natalija Gontscharowa, Michail Larionov und Pavel Filonov. An die Ausführungen über den Konstruktivismus (v.a. über Malewitsch mit seinem „Schwarzen Quadrat“ und den suprematistischen Kompositionen) schloss sich eine lebhafte Diskussion über abstrakte Kunst an. Nach Tatlins „Eckrelief“ blieb noch etwas Zeit, um allein durch das Museum zu gehen. Das Nachmittagsprogramm begann mit einem beeindruckenden Jugendstilbau der Stadt, dem ehemaligen Feinkostladen Jelissejew, dessen Pracht vom ovalen Ostrowskij-Platz aus gut zu sehen ist. Das Alexandrinsky-Theater und die Rossi-Straße lernten wir als klassizistisches Ensemble kennen. Anschließend ging es zum Anitschkow-Palais und der Anitschkow-Brücke, auf der es die vier Rossebändiger von Peter Clodt zu betrachten galt. Es folgte ein Architekturspaziergang, der uns mit einigen Bauten des nordischen Jugendstils bekannt machte. Der Tag endete mit einer Bootstour, auf der die Bauwerke noch einmal von den Kanälen und der Neva-Seite aus zu bewundern waren.

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Am Montagmorgen fuhren wir mit dem Bus nach Zarskoje Selo, um den Katharinenpalast und die Parkanlage zu besichtigen. Nach kurzer Wartezeit gelangten wir in das prachtvolle Schloss. Trotz der zahlreichen Reisegruppen konnte man die aufwändig ausgeschmückten Räume bewundern, die während des Zweiten Weltkrieges von deutschen Soldaten fast vollständig zerstört worden waren und nach jahrelanger Forschungs- und Restaurierungsarbeit rekonstruiert werden konnten. Katharina I. hatte 1718 vom deutschen Architekten Johann Braunstein ein Palais errichten lassen, das von ihrer Tochter Elisabeth I. unter dem Architekten Rastrelli u.a. ausgebaut wurde. Katharina II., die Große, ließ schließlich zahlreiche Räume und den Park umgestalten. Wir sahen blau-weiße Kachelöfen, prunkvolle Gemälde und ausgewählte Exponate vom Porzellanservice. Nachdem wir die Ahnengalerie der Romanows durchschritten hatten, gelangten wir in das berühmte, 2003 rekonstruierte Bernsteinzimmer. Vom Park aus blickten wir zunächst auf die 325 Meter lange Prunkfassade. Durch zwei seitliche und ein betontes Mittelrisalit gegliedert, zeigt sich in rhythmischer Wiederholung ein großes Repertoire an Schmuckelementen: braune Atlanten, weiße Säulen und teils vergoldete Balkone vor der grünblau gestrichenen Wand. Im Südwesten waren unter Charles Cameron die antiken Thermen entstanden, die zum Park überleiten. Durch den geometrisch angelegten französischen Garten gelangten wir in den unter Katharina II. im englischen Stil gestalteten Teil: Pavillons, Brücken und Denkmäler, ein Chinesisches Dorf mit Theater, schließlich der Alexanderpalast von Giacomo Quarenghi, streng klassizistisch konzipiert. Am Abend fuhr uns der Bus zum Smolnyj-Kloster, ebenfalls von Rastrelli entworfen. Die in Pastellblau und Weiß gehaltene Klosteranlage war von Zarin Elisabeth als Frauenkloster und Altersruhesitz geplant worden. Die Kathedrale erhebt sich über einem griechischen Kreuz und gilt durch ihre komplexe Tiefenstaffelung und die aufwändige Gliederung mit verkröpften Gebälkabschnitten als herausragendes Beispiel des russischen Barock. Am Abend wurden wir von den Gasthörern zu einem gemeinsamen Essen eingeladen.

Am letzten Tag der Studienexkursion empfing uns Prof. Dr. Valentin Bulkin in den Räumen seiner Universität und erläuterte in seinem Vortrag die Studienbedingungen und –modalitäten in St. Petersburg. In der anschließenden Diskussion fand er überraschend freundliche Worte zur Präsenz der Deutschen in St. Petersburg, deren dunkelstes Kapitel zum Glück nicht das einzige ist. Bereits am Mittag mussten wir dann die Rückfahrt antreten und verabschiedeten uns von einer Weltstadt, die sich in diesen Sommertagen auch klimatisch von ihrer angenehmsten Seite präsentiert hatte.

Ulrich Blanche, Isabel Hauenstein, Nadine Raddatz, Tilla Stendel, Eva-Maria Winter, Alexander Zull

Hier finden Sie die Präsentation der Exkursion als PDF.