Call for Papers: Tagung in Erlangen 2022

Bayerisches Nationalmuseum München
Bayerisches Nationalmuseum München, Foto: Marina Beck

Die Nation bilden

National- und Landesmuseen als Orte der Konstituierung, Ausbildung und Selbstdarstellung von Ländern und Nationen in Europa im 19. Jahrhundert

(english version see below)

Die Tagung setzt sich zum Ziel, die Entstehung von Nationalmuseen im 19. Jahrhundert neu zu betrachten. Im Zentrum steht hierbei die Frage warum sich in verschiedenen Ländern unterschiedliche Typen von Nationalmuseen gründeten und welcher Bildungsauftrag in diesen Häusern verfolgt wurde. Die Nationalmuseen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Funktion, Sammlungsschwerpunkte und didaktischen Konzeption. Idealtypisch lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, wobei Überschneidungen immer möglich sind:

Die erste Gruppe umfasst Museen, deren Sammlungen mit dem Ziel, ein möglichst umfassendes Wissen zu vermitteln, angelegt wurden. Hierbei handelt es sich häufig um Kunstmuseen wie Gemäldegalerien, Skulpturensammlungen oder Antikensammlungen etc. Diese Häuser dienten der Geschmacksbildung der Bevölkerung.

Neben diesen ›Bildungsmuseen‹ entstanden als zweite Gruppe ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Museen, in denen die Bevölkerung lernen sollte, was die (eigene) Nation ausmachte. Hierbei handelt es sich beispielsweise um (kultur)historische Museen, Armeemuseen sowie Sammlungen, die mit dem Fokus auf die eigene Geschichte / Kultur / Natur etc. angelegt worden waren. Zu diesen Häusern zählten auch die Landesmuseen in den deutschen Staaten, die sich in ihren Ausstellungen auf die Inszenierung ihres jeweiligen Territoriums beziehungsweise Landes und nicht auf die Nation konzentrierten.

Auf der Tagung sollen die beiden Museumstypen mit ihren unterschiedlichen Bildungszielen hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede miteinander verglichen werden. Der Fokus liegt hierbei auf der Untersuchung der Art und Weise, wie die Inszenierung und Präsentation der jeweils zu vermittelnden Inhalte in den Museen erfolgte. Zu fragen ist somit nach den jeweiligen Sammlungsschwerpunkten sowie der Anordnung und Präsentation der Objekte innerhalb der Sammlungen. Hierbei lassen sich oft verschiedene Konzepte (chronologisch, typologisch, atmosphärische Präsentation etc.) festmachen, denen eine spezifische didaktische Intention zugrunde lag. So wurde in chronologisch sortierten Sammlungen oft die eigene Gegenwart oder die eigene Nation als Höhepunkt einer kulturellen Entwicklung dargestellt. In typologisch angeordneten Sammlungen konnten die Objekte der eigenen Kultur / Nation einer anderen gegenübergestellt und von diesen positiv abgegrenzt werden. Als Beispiele seien auf die Hängung nach Nationalstilen oder Schulen in kunsthistorischen Museen sowie im Sinne der Geschmacksbildung die Präsentation von Objekten nach Qualitätskriterien verwiesen. Die Gestaltung des Ausstellungsraumes durch erläuternde Bildprogramme oder der Präsentation der Objekte in Epochenräumen (›period rooms‹), um einen atmosphärischen Eindruck der ursprünglichen Nutzung zu vermitteln, sind weitere wichtige Inszenierungsstrategien, die es näher zu betrachten gilt. Hierbei spielte auch die Präsentation der Sammler beziehungsweise Initiatoren der Museumsgründungen eine wichtige Rolle.

Erwünscht sind Beiträge von 20 bis 30 Minuten Länge in denen die Bildungskonzepte und deren Vermittlungsstrategien in den verschiedenen im 19. Jahrhundert begründeten Museen einander gegenübergestellt werden. Hierbei können Museen aus den beiden idealtypischen skizzierten Gruppen untereinander oder miteinander verglichen werden. Diese Vergleiche können innerhalb eines Landes oder länderübergreifend erfolgen. Auch die Vorstellung eines einzelnen Baus ist möglich, wobei hier der Fokus dezidiert auf den umgesetzten Vermittlungsstrategien mit Blick auf der Frage nach dem Bildungskonzept liegen soll. Eine rein monographisch-chronologische Präsentation eines Museumsbaus ist nicht erwünscht. Der zeitliche Fokus liegt auf dem 19. Jahrhundert kann aber nach vorne und hinten ausgedehnt werden. Der geographische Schwerpunkt liegt auf dem heutigen Europa.

Folgende Themenschwerpunkte können hierbei behandelt werden:

  1. Gründungsstrategien
  • Zu welchem Zweck wurde ein Museum gegründet bzw. eine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?
  • Wer richtete die Museen ein?
  • Welche Intentionen verfolgte der/die Museumsbegründer?
  • Wann wurden sie gegebenenfalls ›verstaatlicht‹?
  • Erfuhren die Museen zu einem späteren Zeitpunkt eine neue Zweckbindung?
  1. Sammlungsstrategien
  • Welche Objekte sind im Sinne einer Geschmacksbildung relevant und wurden entsprechend angekauft / ausgestellt?
  • Wie wurden die Sammlungen innerhalb des Gebäudes angelegt und in welchem räumlichen Verhältnis standen die Sammlungen zueinander?
  • Nach welchem Prinzip wurden die Exponate sortiert: nach ihrem inhaltlichen Gegenstand, ihrer Gattung, der Herkunftsregion des Künstlers oder dem Entstehungsort – geografisch oder national?
  • Lässt sich anhand der Präsentation der Objekte eine (qualitative) Wertigkeit beziehungsweise eine Gliederung der Exponate nach entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten ablesen?
  • Lassen sich im ›langen 19. Jahrhundert‹ Veränderungen hinsichtlich der Sammlungsstrategien feststellen? Wodurch wurden diese gegebenenfalls intendiert?
  1. Inszenierungsstrategien
  • Wie wurden die Exponate im Ausstellungsgebäude präsentiert, wie wurden sie angeordnet und wie erfolgte die didaktische Vermittlung?
  • Welche Themen wurden am Außenbau und in den Räumen in den (didaktisch vermittelnden) Bild- und Ausstattungsprogrammen umgesetzt? Wie wurden die einzelnen Räume gestaltet?
  • Welche Inszenierungsstrategien wurden umgesetzt, um die Mitglieder des eigenen Staates / der eigenen Nation gegenüber anderer Staaten und Nationen hervorzuheben / auszuzeichnen? Veränderten sich diese Strategien im Laufe des 19. Jahrhunderts?
  • Wie und anhand welcher Objekte / Objektgruppen sollte die Geschmacksbildung erfolgen?
  • Wie wurden die Museumsbegründer / Initiatoren im Bau inszeniert?
  1. Das Museum als (Aus-) Bildungsort der Staatsbevölkerung bzw. der Nation
  • Wie wurde Nationengeschichte, Kultur- oder Kunstgeschichte konstruiert, welche Objekte, Personen oder Ereignisse wurden dafür genutzt?
  • Welcher (ästhetische) Bildungskanon sollte durch die Geschmacksbildung der Bevölkerung vermittelt werden?
  • Wie sollte die Ausbildung in Formfragen für den Laien und den Experten als Besucher in der Ausstellung erfolgen?
  • Wie fungierten Museen konkret als Ort, an dem die Staatsbevölkerung / Nation ausgebildet / konstruiert / perpetuiert werden sollte, und welche Objekte erschienen hierfür besonders geeignet?
  • Durch welche Mittel wurde die Selbstdarstellung und Selbstinszenierung der Staatsbevölkerung / Nation im Museum umgesetzt?

 

Bitte senden Sie Ihren Vorschlag von max. einer Seite Länge bis zum 14. Mai 2021 an Dr. Marina Beck, marina.beck@fau.de.

Die Tagung findet vorbehaltlich der Entwicklung der Covid 19-Pandemie vom 17. März bis 20. März 2022 an der Friedrich-Erlangen-Universität Erlangen-Nürnberg und dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg statt. Reise- und Übernachtungskosten werden übernommen. Sollte die Tagung nicht in Präsenzform stattfinden können, wird alternativ eine Online-Variante erfolgen. Nachwuchswissenschaftler*innen werden ausdrücklich zur Bewerbung aufgerufen.

Die Konferenzsprachen sind deutsch und englisch. Eine Publikation der Beiträge ist geplant. Diese soll möglichst zeitnah erfolgen.


educating nations

The role of national and regional museums in constituting, forming and showcasing nations and states in nineteenth-century Europe

The planned conference will revisit and reassess the emergence of national museums in the nineteenth century, seeking to uncover why distinct types of national museums came into being in different countries and identify the educational missions these institutions assumed. National museums exhibited a diverse range of remits and educational designs and their collections revolved around various different foci. We can identify two specific types of national museum in this period, with a degree of overlap in evidence. The first type is the group of museums whose collections pursued the aim of communicating a comprehensive body of knowledge as well as public aesthetic education. Many of these museums were art-focused museums such as galleries or collections of sculptures or ancient artefacts. Beginning in the second half of the nineteenth century, a second group emerged alongside these primarily educational museums: establishments whose purpose was to raise public awareness of their nation’s essence. These institutions included, for example, museums of history or of the history of the nation’s culture, military museums, and specific collections centring on the nation’s history, culture, natural history etc. The regional Landesmuseen of the German states, whose exhibitions sought to showcase a particular regional territory rather than the nation, are instances of this type.

The purpose of this conference will be to take a comparative look at these two types of museum and their divergent educational remits, examining their shared features and their differences. We will attend specifically to the ways in which such museums presented the content they intended to communicate. Aspects of interest in this regard include the foci of the museums’ collections, the arrangement and presentation of exhibits, and underlying ideas and conceptions – be they, for instance, chronological, typological or suggestive of a particular atmosphere or setting – alongside the educational intent from which they emerged. Collections that were arranged chronologically, for example, often sought to present the nation or the present time as the apogee of a process of cultural progression. Typological collections, meanwhile, might implicitly contrast artefacts from the nation’s own culture with those from another, placing the former in a positive comparative light; instances of this practice include displaying works of art grouped in national styles or schools, or presenting exhibits along quality criteria with reference to a remit of aesthetic education. The use of explanatory imagery in exhibition spaces and the arrangement of artefacts in so-called ‘period rooms’ with the intent of creating an authentic impression of their original use are likewise of interest to the conference as strategies of presentation. The ways in which museums paid note to their originary collectors, benefactors and founders are also of high relevance.

We would like to invite proposals for papers of between 20 and 30 minutes’ duration that compare and contrast educational conceptions and strategies in the various museums founded in the course of the nineteenth century. We welcome comparisons of institutions from the two groups outlined above on an intra- or inter-group basis, within or among nations and states. Papers discussing one museum only should focus specifically on the educational strategies used and the underlying conceptions they reveal; we are unable to consider submissions consisting exclusively in a chronological, non-analytical account of the construction or foundation of one museum only. The nineteenth century is our focal period, but submissions may refer back or forward in time from this point. Our geographical area of interest is the territory of present-day Europe.

We welcome submissions exploring the following questions and thematic foci:

  1. Strategies relating to the establishment of a museum
  • To what purpose was a museum founded, or a collection exhibited to the public?
  • Who established the museum/s?
  • What were the intentions of the founder/s?
  • When (if at all) did the state take over the running of the museum/s?
  • Did the museum/s experience a change in their purpose/s at any point in their history?
  1. Strategies relating to collections
  • Which artefacts did curators consider relevant to public aesthetic education and acquire/exhibit accordingly?
  • How were collections arranged within museum buildings, and what were the spatial relationships among collections?
  • What principles were applied to the arrangement of exhibits: an overarching subject, the type/category of exhibit, the (geographical or national) provenance of the object or its creator?
  • Can we identify the attribution of a (qualitative) value to exhibits in the manner of their presentation, or their categorisation within a history of cultural development or progression?
  • Are any changes in collection-related strategies perceptible during the course of the ‘long nineteenth century’? If so, how do we notice these, and (how) are we intended to?
  1. Strategies of presentation
  • How were exhibits presented within the museum facilities; how were they arranged, and in what did their educational framing consist?
  • Which topics and issues are apparent in museum architecture and in the imagery and the fixtures and fittings used – to educational intent – in the exhibition spaces? How was each space designed?
  • Which strategies of presentation are in evidence which endow the members of the state/nation to which the museum pertains with an elevated or special status compared to those of other states and nations? Did these strategies change in the course of the nineteenth century?
  • How did museums seek to aesthetically educate their visitors, and which artefacts were used in this endeavour?
  • How did museums honour their founders and benefactors and make them visible in the museum facilities?
  1. Museums as spaces for the formation and education of national citizenries
  • How did museums construct the history of a nation’s life, culture or art; which artefacts, figures or events did they reference?
  • Which educational canon of aesthetic works served as an underlying foundation for the didactic efforts made in museums?
  • How did exhibitions seek to educate expert and lay visitors in matters relating to the discernment of canonical quality?
  • How did museums specifically serve as loci for the formation, construction and/or perpetuation of bodies of national or state citizenry, and which artefacts did their curators consider particularly appropriate to this purpose?
  • Which means did museums use to showcase their nation/national citizenry and shape its self-image?

Please send proposals, of no more than one page in length, to Dr Marina Beck, marina.beck@fau.de, by 1 May 2021.

The provisional dates and venue of the conference are 17 to 20 March 2022, convened by Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg and Germanisches Nationalmuseum, Nuremberg. We will cover travel and accommodation expenses for invited presenters. The dates and venue are subject to a favourable development of the current coronavirus pandemic. If the coronavirus situation means we are unable to host the conference in an in-person format at the planned venue, we will arrange to hold it online.

We plan to publish a volume of the conference proceedings soon after the event. Manuscripts will need to be submitted by 1 July 2022.