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Arbeitswelt

Der Koch und sein Weib

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Albrecht Dürer, Der Koch und sein Weib, 1496/97

Kupferstich, 11 x 7,8 cm, Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg.

Frauenquote, Einkommensdifferenz, Gleichstellung, Mutterschutz: Diese Schlagwörter bestimmen die Diskussion über Frauen in der Arbeitswelt heute. Schon für Frauen zur Zeit Dürers ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht leicht. Verschiedene Bedingungen erschweren ihnen den Zugang zur männerdominierten Berufswelt.

Dürers Graphiken liefern interessante Einblicke in die Arbeitssituation der Frühen Neuzeit. Das Paar auf dem Stich „Der Koch und sein Weib“ arbeitet in gegenseitiger Abhängigkeit zusammen und ist somit ein gutes Beispiel für die Neuorganisation des Wirtschaftens im 15. Jahrhundert. Gleichzeitig ist eine ironische Anspielung auf die Weibermacht zu erkennen, die die Männer dieser Zeit fürchten, von der sie jedoch in der Arbeitsgemeinschaft auch profitieren.

Dieser Kupferstich auf Papier von Albrecht Dürer wird von dem Kunsthistoriker und Graphikexperten Joseph Meder auf die Zeit um 1496/97 datiert. Dementsprechend handelt es sich um eine frühe Graphik des Künstlers, die vermutlich nach seiner ersten Italienreise entstand. Sie gehört zu einer Reihe von Blättern Dürers, die ungleiche Liebespaare zeigen und dem Bereich der Standes- und Geschlechtersatire zuzurechnen sind.

Dürer legt das Hauptaugenmerk auf die Darstellung des im Titel genannten Paares. Der Mann von kräftiger Statur in einfacher Kleidung trägt Küchenutensilien mit sich, die ihn als Koch identifizieren lassen. Seinen Kopf dreht er in Richtung eines Vogels, der auf seiner linken Schulter sitzt. Die etwas kleinere Frau des Kochs steht an seiner linken Seite, einen Schritt vor ihm. Mit Bürgerinnenhaube und Stirnschleier bekleidet, blickt sie den Betrachter mit aufmerksamem Blick direkt an.

Die Maße der Graphik betragen circa 11 x 7,8 cm, der Plattenrand ist erhalten. Am unteren Rand befindet sich mittig das Monogramm Dürers, jedoch ist keine Datierung des Künstlers ersichtlich. Auch ein Wasserzeichen fehlt.

Der von Meder ausgewiesene „Zustand a“ für den Stich in der Graphischen Sammlung Nürnberg lässt sich auf Grund seiner kontrastreichen Farbigkeit, dem dunklen, fast druckfrischen Schwarz und klar definierten Linien nachvollziehen. In der Armbeuge der Frau hebt sich die Farbe bei detaillierter Betrachtung sogar noch etwas ab. Diese Beobachtungen weisen auf einen frühen gleichmäßigen Abzug der Kupferplatte ohne mechanische Beschädigungen oder Abnutzungen hin.

Auf der Rückseite des Blattes befindet sich ein ovaler blauer Stempelabdruck mit der Inschrift „Ch. Protector Meus“ („Christus, mein Beschützer“). Dieser bezeugt die Provenienz aus der Arenberg-Sammlung, dem einstigen Kunstbesitz des Adelsgeschlechts Arenberg.

Die Rückseite des Blattes weist Gebrauchsspuren auf, sonst ist die Graphik in einem sehr gut erhaltenen Zustand.

Im Fokus der Graphik steht ein Paar, das fast die gesamte Bildfläche einnimmt. Die beiden Eheleute stehen auf einem Boden mit zwei vereinzelten Steinen, also im Freien. Der Hintergrund ist weiß gehalten, so wird den Figuren Vorrang gegeben. Der massige Mann in einfacher Arbeitskleidung steht vom Betrachter aus gesehen links im Bild. Auf Grund der Stielpfanne und des Kochlöffels in seiner rechten Hand kann er als Koch identifiziert werden. Er trägt ein Wams, das über seinem Bauch spannt, Beinlinge und Lederschuhe. Die Knöpfe des Wamses scheinen fast aufzuplatzen. Auf Höhe seiner linken Brust ziert die Kleidung eine kleine Schleife. Um die Hüfte hat er einen Gürtel gebunden und in einer seiner Schnallen zwei Messer befestigt. Eine kleine Tasche mit pelzartiger Borte hängt zu seiner rechten Hüfte herab. Seinen linken Fuß hat er vor den rechten gestellt. Den rechten Arm hat er angewinkelt. Sein Kopf ist von ihm aus nach links zu dem Vogel auf seiner Schulter gedreht und sein Blick führt nach oben in die Ferne. Er wirkt nachdenklich oder konzentriert mit leicht geöffnetem Mund und runzelt die Stirn. Sein Gesicht ist untersetzt, Speckfalten bilden sich am Hals und gehen in ein Doppelkinn über. Erkennbar sind seine unregelmäßigen Bartstoppeln, Tränensäcke unter den Augen und weitere Hautfalten.

Der spitze längliche Schnabel des taubengroßen Vogels auf seiner Schulter scheint seine Wange zu berühren oder in Richtung seines rechten Ohres zu weisen. Der rechte Flügel des Vogels ist erhoben und wird wie der Bürzel schon teilweise von der Frau an der Seite des Kochs verdeckt. Die Vogelart ist nicht klar erkennbar, worauf in der Interpretation noch näher eingegangen wird.

Die etwas kleinere Frau des Kochs steht an seiner linken Seite, einen Schritt vor ihm. Sie blickt den Betrachter mit aufmerksamem, selbstbewusstem Blick direkt an und trägt ein Kleid, wie es in Nürnberg im 15. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen üblich ist.[1] Um ihre linke Schulter hat sie ein Tuch geworfen. Eine Haube mit Stirnschleier bedeckt ihre Haare. An ihrem rechten Arm baumeln ein Schlüsselbund und ein Geldbeutel herab. Die Hände hat sie auf ihrem Bauch gekreuzt. Ihr Gesicht besitzt eine ovale Form, die Nase ist lang und zierlich und ihre Haut glatt.

Zwischen den Köpfen und Füßen der beiden Eheleute lassen sich zwei parallele Diagonalen ziehen. Der Vogel bildet innerhalb der Diagonale die Verbindung zwischen ihren Köpfen. Eine weitere Diagonale führt von der Pfanne zum rechten Flügel des Vogels.

Das Paar scheint mittig und symmetrisch im Bild zu stehen, ihre linken Füße haben jeweils den gleichen Abstand zum äußeren Bildrand. Die Mittelsenkrechte wird durch den Hell-Dunkel-Unterschied zwischen den Armen und Schultern des Mannes und der Frau betont. Der untere Teil ihres Kleides liegt auf dieser Linie.

Genau in der Mitte des Bildes befinden sich Schlüssel und Geldbeutel, ein Hinweis auf ihre Bedeutung in der späteren ikonographischen Interpretation.

In diesem Kupferstich setzt Dürer hauptsächlich eine Schraffur mit feinen länglichen Linien und eine Kreuzschraffur ein. Er betont die Stofflichkeit der Kleidung, sogar die feinen Nähte der Beinlinge. Die weiche Fellborte der Tasche des Mannes wirkt in ihrer Struktur ähnlich zu seinen etwas zotteligen Haaren. Besonders im Gesicht des Mannes sieht man Dürers Meisterschaft in der naturalistischen Gestaltung der Haut in allen Details. Punkte stellen die Bartstoppeln dar. Die Materialität der Pfanne ist hingegen nicht deutlich ausgearbeitet.


[1] Siehe Vergleichsbild Nürnberger Tracht/Wilde Männer.

Albrecht Dürer, Der junge Bauer mit seinem Weib, 1497.
Bildnachweis: Kulturpool.

„Der Koch und sein Weib“ bildet einerseits beispielhaft das Ehepaar als Arbeitsgemeinschaft ab, andererseits ist in diesem Stich eine humoristische Parodie auf männliche Narrheit und Weibermacht erkennbar. Der dicke, einfältig wirkende Koch passt auf den ersten Blick nicht zu seiner jüngeren, hübscheren Frau. Sie ist im Gegensatz zu seiner einfachen Arbeitskleidung in Nürnberger Bürgerstracht gekleidet und blickt selbstbewusst den Betrachter an. Die Schlüssel und Geldbeutel an ihrem Arm im Zentrum des Bildes sind ein Hinweis darauf, dass sie den Haushalt führt.

Der genaue Arbeitsplatz des Koches ist nicht ersichtlich. In einem bürgerlichen Haushalt wird er jedoch eher nicht kochen. Dort kocht die Hausfrau selbst oder überlässt das den Mägden. Auf Jahrmärkten, in öffentlichen Garküchen, Schenken oder Feldküchen arbeitet der „Sudelkoch“ [1], der sprichwörtlich einen schlechten Ruf hat. In der Schwankliteratur und im Fastnachtsbrauch wird sich über ihn lustig gemacht, als Verkörperung von Dummheit, Völlerei und Lüsternheit[2]. Ein solcher Sudelkoch ist wohl auch der Protagonist dieser Dürergraphik.

Auf jeden Fall kann „Der Koch und sein Weib“ als Standes- und Geschlechtersatire gesehen werden und steht in einer Reihe von Darstellungen „ungleicher Paare“ sowie Geschlechtersatiren Dürers.

Meister der Bergmannschen Offizin, Das Narrenschiff Illustration 45, Druck von J. Bergmann von Olpe, 1494.
Bildnachweis: Münchener DigitalisierungsZentrum/Bayerische Staatsbibliothek.

Der Vogel auf der Schulter des Kochs als anekdotisches Detail hat schon wiederholt Anlass dazu gegeben, nach einer Geschichte als Vorlage für diesen Stich zu suchen. Konrad von Langes These aus dem Jahre 1907 besagt beispielsweise, die Szene sei eine Illustration zu einem Schwank aus dem „Ritter von Thurn“. Dies ist eine Sammlung von Geschichten, die jener Ritter zur Belehrung seiner Töchter zusammengestellt hat. Die deutsche Ausgabe des ursprünglich französischen Textes wurde mit Holzschnitten versehen, die dem jungen Dürer zugeschrieben werden. Diese Zuschreibung ist allerdings nicht gesichert. In der Geschichte „Die Atzel schwätzt vom Aal“ hält der Ehemann einen fetten Aal in einem Fischtrog, um ihn Gästen zu servieren. Als er verreist ist, gelüstet es seiner Frau nach dem Aal und sie isst diesen zusammen mit ihrem Paten auf, was als Sinnbild für Ehebruch gedeutet werden kann. Ihrem Ehemann erzählt sie, ein Otter habe den Aal geholt. Eine Elster hat den Vorfall jedoch beobachtet und berichtet dem Mann die Wahrheit. Als er seine Frau beschimpft, wird diese zornig und rupft dem Vogel als Strafe für seinen Verrat alle Federn vom Kopf. Die Geschichte stellt eine Warnung vor Lügen, Ehebruch, aber auch Denunziantentum dar. Die These Langes ist jedoch insofern unstimmig, als der dargestellte Vogel Dürers keine typischen Charakteristika der Elster wie schwarze Flügel zeigt.[3]

Die Charakterisierung des Mannes als narrenhafter Sudelkoch führt zu einer anderen Deutung: Der Vogel könnte ein sogenannter „Gauch“ sein, ein Kuckuck, Attribut der mittelalterlichen Frau Minne und Synonym der männlichen Narrheit[4], insbesondere des vor Liebe blinden Mannes. Der Gauch als Narr tritt auf besondere Weise in einem berühmten literarischen Werk dieser Zeit auf, dem Narrenschiff.

Albrecht Dürer, Der Marktbauer und sein Weib, 1519.
Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg.

Eine weitere Interpretationsmöglichkeit eröffnet sich, wenn der Vogel als Taube gedeutet wird. Die Taube ist neben dem Symbol für den Geist Gottes und Frieden auch ein Zeichen der Liebe, Sanftmut und Treue. In diesem Sinne passt sie zur Darstellung eines Ehepaares. Der zutrauliche Vogel hat wenig Scheu vor Menschen und überbringt als Brieftaube Nachrichten, wie hier wörtlich gesehen, in des Koches Ohr.

Als Gesamtdeutung des Stiches „Der Koch und sein Weib“ kann man eine humoristische Warnung vor Weibermacht sehen, die nur ein vor Liebe geblendeter Narr zulässt. Andererseits ist die Frau hier viel positiver als der Mann und ihm in zahlreichen Bereichen überlegen dargestellt. Vielleicht führt sie als Wirtin die Geschäfte der Schenke, in der ihr Mann kocht; auf jeden Fall hat sie Verfügung über Haus und Geld. Dies betont Dürer an zentraler Stelle. Die beiden arbeiten als Ehepaar treu zusammen und sichern so ihre Existenz – ein Thema, das Dürer circa zwanzig Jahre später in dem Stich Der Marktbauer und sein Weib erneut aufgriff.


[1] Rainer Schoch; Mathias Mende; Anna Scherbaum (Hrsg.): Albrecht Dürer. Das druckgraphische Werk. Band 1. Kupferstiche, Eisenradierungen und Kaltnadelblätter. München-London-New York 2001, S.55.
[2] Siehe Wilde Männer.
[3] Schoch/Mende/Scherbaum 2001, S.55.
[4] Schoch/Mende/Scherbaum 2001, S.55.

Die Arbeitswelt für Frauen zur Dürerzeit

Eine zunehmende Professionalisierung bestimmt im Spätmittelalter die Arbeitswelt. Männer sehen ihre Dominanz bedroht, deshalb reglementieren sie die Arbeitswelt für Frauen ab dem 15./16. Jahrhundert immer mehr und schließen sie von Bildung und Lehre aus. Gilden verbieten gleichzeitig weitestgehend die Arbeit ohne Lehre: Eine Garantie für gelernte Berufe soll hergestellt werden.

Der Professionalisierung der Männer wird folglich die Ungelerntheit der Frauen gegenübergestellt. Gesellen haben daran einen großen Anteil: Sie fürchten die Konkurrenz um Arbeitsplätze und kämpfen dafür, Frauen ganz aus den Gilden auszuschließen. Schließlich haben sie damit Erfolg. Somit haben Frauen keine Rechte mehr in der Gilde und auch keine formelle Institution, die ihre Arbeit schützt. Gleichzeitig wird die Ehe immer mehr als natürliche Berufung der Frau und als Ideal angesehen[1]. Haushaltsführung wird zur Frauenarbeit.

Meistens unterstützen die Frauen ihren Ehemann in seinem Beruf. Das Ehepaar als Arbeitsgemeinschaft ist Kern der Neuorganisation des Wirtschaftens. Dennoch arbeiten Frauen in den unterschiedlichsten Sparten auch unabhängig. Als Marktfrauen, Spinnerinnen oder Weberinnen, als Haushaltshilfe in anderen Häusern, als Prostituierte[2] oder in sozialen Berufen – in der Gesundheit, Pflege, und Erziehung. Hebammen[3] nehmen eine Sonderstellung ein. In dieser weiblichen Sparte bleibt die Lehre für Frauen erlaubt. Somit ergibt sich eine größere finanzielle Sicherheit und ein gewisses Berufsidentitätsgefühl für die Geburtshelferinnen.

Marktfrauen haben zu Dürers Zeit besondere Rechte, um Handel zu betreiben; ansonsten ist es Frauen verboten, selbstständig Verträge abzuschließen. Sie brauchen immer einen männlichen Vormund.

Die Arbeit der Frauen ist in der Frühen Neuzeit eng mit ihrem Familienstatus verbunden, dem Ehemann, der Anzahl der Kinder sowie dem gesellschaftlichen Stand der Familie. Die Arbeit an familiäre Verantwortung anzupassen wird immer schwieriger. Reichere Familien können sich Haushaltshilfe und Kinderbetreuung leisten, die Frau widmet sich dann organisatorischen Aufgaben. In ärmeren Familien muss die Frau jedoch mitarbeiten, um Geld zu verdienen und gleichzeitig den Haushalt sowie Kinder versorgen. Arbeit ist deshalb für die meisten Frauen zu dieser Zeit nur in der Nähe des Hauses möglich.

Eine spezielle Rolle nehmen dabei besonders Handwerkerfrauen ein. Handwerker sind verpflichtet, verheiratet zu sein, um als Meister zu arbeiten und eine Werkstatt leiten zu dürfen. Die Arbeitskraft, Aussteuer und haushälterische Kompetenz der Frau ist wichtig für den Betrieb. Meistens gehört die Werkstatt zum Haus, die Haushaltsarbeit wird oft von Mägden erledigt. So hat die Ehefrau Zeit, sich als Hilfe in der Werkstatt einzubringen, den Haushalt inklusive Gesellen und Mägden zu führen, Waren zu verkaufen und zu handeln.

Handwerkerwitwen wird es erlaubt, die Werkstatt nach dem Tod des Meisters bis zur Wiederverheiratung weiterzuführen. Anscheinend traut man ihnen ausreichende Kenntnisse für die Werkstattleitung zu. Dennoch wird die schnelle Wiederverheiratung der Witwen forciert. Unabhängige, unverheiratete Frauen werden sehr skeptisch und kritisch angesehen als „Meisterlose Frauen“, obwohl es viele dieser ledigen Frauen gibt.

Ledige Frauen können als Mägde arbeiten oder anderen schlechtbezahlten Arbeiten nachgehen, die geringgeschätzt werden. „Typisch weibliche Berufe“ bilden sich heraus; damit einher gehen die Abwertung weiblicher Arbeit und eine geringere Entlohnung. Rein weibliche Metiers werden skeptisch angesehen und zum Beispiel Spinnerinnen der Hexerei verdächtigt.[4] Als Folge daraus sind der Beruf des Ehemannes und die Familienverantwortung wichtiger für die Identität der Frauen zur Dürerzeit als ihr jeweils eigener Beruf.[5]

Wie sah nun die Arbeitsverteilung im Hause Dürer aus?

1494 heiratet Albrecht Dürer Agnes Frey. Sie entstammt einer wohlhabenden angesehenen Patrizierfamilie Nürnbergs und bringt eine hohe Mitgift in die Ehe ein. Dies kann dem Ansehen Dürers nur nützlich gewesen sein. Zu ihrer Ehe gibt es wenige zeitgenössische Aussagen, aber wie üblich in der spätmittelalterlichen Handwerkerschicht ist auch ihre Ehe eine Arbeitsgemeinschaft. Die Werkstatt ist Familienbetrieb und da die Ehe kinderlos bleibt, hat seine Frau ausreichend Zeit, sich einzubringen. Agnes arbeitet mit, indem sie in Dürers Abwesenheit die Arbeiten überwacht, sich um Gäste und den Haushalt kümmert und seine Graphiken verkauft. Sie hat Kontakt zu Auftraggebern und wird aus Höflichkeit oft mit Zuwendungen und Geschenken bedacht. Nur bei Gericht vertritt sie ihn nie, im Gegensatz zu anderen Künstlergattinnen.[6]

Durch die Briefe Albrecht Dürers, in denen er mit seinem Freund Willibald Pirckheimer, einem bekannten Gelehrten seiner Zeit, mit derben Kommentaren über seine Frau witzelt, sind auch Ehekonflikte überliefert. Willibald Pirckheimer seinerseits beschreibt Agnes in einem Brief, in dem er sich über die Witwe beschwert, als argwöhnische, übermäßig fromme, strenge, geldgierige Person, die sogar den Tod ihres Mannes verursacht haben soll.[7]

Agnes Dürer ist nichtsdestotrotz ein privilegiertes Beispiel arbeitender Frauen im 16. Jahrhundert. Sie hat keinen eigenen Beruf erlernt, lebt kinderlos von den Erträgen seiner Kunst, aber unterstützt ihren berühmten Mann auch auf vielfältige Weise innerhalb ihrer Möglichkeiten, um den Lebensunterhalt des Paares zu sichern. Als Albrecht Dürer 1528 stirbt, geht sein gesamter künstlerischer Nachlass zunächst in Agnes‘ Besitz über. Sie führt die Buchproduktion bis zu ihrem Tode 1539 weiter. Kaiser Karl V. erteilt Agnes Dürer ein einfaches Privileg, das ihr für einen Zeitraum von 10 Jahren Schutz vor illegalem Nachdruck sowie den Verkauf der Proportions- und Perspektivwerke Dürers sichert.


[1] Siehe Familienleben.
[2] Siehe Prostitution.
[3] Siehe Familienleben.
[4] Siehe Hexen.
[5] Zur Situation von Frauen in der Arbeitswelt der frühen Neuzeit in Deutschland, siehe: Merry E. Wiesner: Working women in Renaissance Germany. New Brunswick 1986 und Heide Wunder: „Er ist die Sonnʼ, sie ist der Mond“. München 1992.
[6] Vgl. Danica Brenner: Agnes Dürers Druckprivileg. Zehn Jahre Schutz der Werkstattrechte Albrechts, in: Tacke, Andreas; Irsigler, Franz (Hrsg.): Der Künstler in der Gesellschaft. Einführungen zur Künstlersozialgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2011.
[7] Vgl. Corine Schleif: Das pos weyb Agnes Frey Dürer. Geschichte ihrer Verleumdung und Versuche der Ehrenrettung. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 86 (1999) S. 55 und Ernst Heidrich (Hrsg.): Albrecht Dürers schriftlicher Nachlass. Berlin 1920.

Die junge Frau auf Dürers Kupferstich ist trotz angedeuteter „Weibermacht“ abhängig von ihrem Mann, dem Koch, der auf den ersten Blick unvorteilhafter wirkt. Für die meisten Frauen der Dürerzeit war es schwierig, selbstständig Geld zu verdienen, da sie von Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen waren. Der Beruf des Mannes war entscheidend für das Familieneinkommen und auch für den Bildtitel. Dennoch hilft die gewiefte hübsche Frau sicher entscheidend mit – ob direkt in der Schenke, auf dem Jahrmarkt oder im Haushalt. Ihre Macht liegt in ihrem selbstbewussten Auftreten und Kompetenzen, die sie sich auch ohne Lehre aneignen konnte. Nur gemeinsam bewältigen die beiden ihre finanzielle Existenzsicherung. So entwickelt sich eine gegenseitige Abhängigkeit von Mann und Frau. Durch die Einfügung des Vogels bereichert  Dürer die Szene um einen möglicherweise ironischen Kommentar und eröffnet einen insgesamt humorvollen Blick auf das Thema der ehelichen Arbeitsgemeinschaft.

Albrecht Dürer, Der junge Bauer mit seinem Weib, 1497.
Bildnachweis: Kulturpool.

Albrecht Dürer, Der junge Bauer mit seinem Weib, 1497

Ein Beispiel für die Darstellung ungleicher Paare und Geschlechtersatiren im Werk Dürers ist sein Kupferstich „Der junge Bauer mit seinem Weib“ aus dem Jahre 1497.

Der Bauer hat ganz zerzauste Haare und wendet sich wild gestikulierend mit groben Gesichtszügen, fast alkoholisiert wirkend, seiner biederen, zurückhaltenden, ernsten Frau zu. Sie hat ihr Haar kunstvoll geflochten, mit Bändern geschmückt, und sich zurechtgemacht, während er sich gehen lässt.


Meister der Bergmannschen Offizin, Das Narrenschiff Illustration 45, Druck von J. Bergmann von Olpe, 1494.
Bildnachweis: Münchener DigitalisierungsZentrum/Bayerische Staatsbibliothek.

Meister der Bergmannschen Offizin, Das Narrenschiff Illustration 45, 1494

Das Narrenschiff des Sebastian Brant aus dem Jahre 1494 ist das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält.

Auch die Illustrationen der Geschichte erlangen Berühmtheit. Der Meister der Bergmannschen Offizin, der die Holzschnitte des Druckes aus dem Jahre 1494 gestaltet, ist eventuell identisch mit Albrecht Dürer, der sich zu dieser Zeit in Basel aufhält. Einen sicheren Beweis gibt es jedoch hierfür nicht. Illustration 45 zeigt einen Narren (Gauch) mit heruntergerutschter Kappe und einem Vogel auf dem Arm mit der Überschrift „Wer Vogel und Hund zur Kirche führt. Und andre Leute im Beten beirrt, derselbe den Gauch wohl streicht und schmiert.“


Albrecht Dürer, Der Marktbauer und sein Weib, 1519.
Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg.

Albrecht Dürer, Der Marktbauer und sein Weib, 1519

Dieser Kupferstich auf Papier von Albrecht Dürer ist datiert auf das Jahr 1519, somit circa 20 Jahre später als „Der Koch und sein Weib“ entstanden. Es ist das letzte Blatt einer ganzen Reihe von kleinformatigen Bauerndarstellungen des Künstlers. In diesen Genrebildern macht Dürer die Bauern und ihre Arbeit zu seinem Hauptmotiv. Er stellt aber auch die Lebenslust der Bauern und ihren Zusammenhalt dar. Menschliche Proportionen und anatomische Studien sind zu dieser Zeit sein Hauptinteressensgebiet, was in den Bauerndarstellungen durch deutliche Ausarbeitung der Körper deutlich wird.

Das hochrechteckige Format des Kupferstichs wird fast vollständig von einem Bauernpaar eingenommen. Der dunkel schraffierte Hintergrund ist als gestufte Mauerruine zu deuten. Im Kontrast mit dem dunklen Hintergrund stechen die Hauptpersonen deutlich hervor. In der rechten Bildhälfte steht der zum linken Bildrand gedrehte Bauer. Der mit einem knielangen Kittel und Schaftstiefeln bekleidete Mann preist mit geöffnetem Mund und ausgestreckter rechter Hand seine Waren an.

Seine mit einem Kopftuch und einfachem Kleid gewandete Frau steht an der linken Bildseite neben ihm und hat den Kopf zu ihm gedreht. In ihrer linken Hand hält sie zwei Hähne, während ihre rechte Hand in der Schlaufe eines Tuches steckt. Aus diesem lugt ein auf ihrem Rücken getragenes Reisigbündel hervor. Auf dem Boden steht ein bis zum Rand mit Eiern gefüllter Flechtkorb. Hinter diesem befindet sich ein Henkelkrug, der mit einem zugeknoteten Tuch verschlossen ist. Am unteren Rand befindet sich zwischen den Beinen des Bauers auf einem Stein das Monogramm Dürers und am oberen Rand eine sichtbare Datierung auf das Jahr 1519.

Es handelt sich um eine sehr ausgefeilte Komposition, die durch Hell-Dunkel-Flächen und Diagonalen bestimmt wird. Die Diagonalen werden von der Mauerruine im Hintergrund aufgegriffen. Diese ist stufenförmig aufsteigend von links und rechts unten hoch zur Mitte gestaltet.

Der Mann scheint den aktiven Part zu übernehmen. Er wirkt schon in seiner Form offener und dem Kunden zugewandt, während die Frau ihm assistiert. Sie erscheint jedoch in ihren Gesichtszügen gewiefter als der eher einfältige Bauer. Die sprichwörtliche Bauernschläue ist in ihrem Gesicht abzulesen. Die beiden sehen sich nicht gegenseitig an, wirken aber wie ein eingespieltes Team. Wie ihre Kleidung verrät, scheinen sie nicht viel fürs Leben zu verdienen.

Dürer zeigt sie schonungslos als einfache Menschen in grober Kleidung, jedoch ohne Spott. Der Bauer gilt in der Frühen Neuzeit einerseits als Tölpel, wild und ungebändigt, andererseits als Ernährer.17 In diesem Sinne ist er mit dem Sudelkoch zu vergleichen.

Der Koch und der Marktbauer mit ihren „Weibern“ können auch als ein Früh- und ein Spätwerk Dürers gegenübergestellt werden. An diesen Werken ist die künstlerische Entwicklung Dürers beispielhaft zu sehen. Die Darstellung unterschiedlicher Materialität und Stoffe perfektioniert Dürer im Laufe der Jahre.

Thematisiert werden in beiden Fällen arbeitende Ehepaare als Arbeitsgemeinschaft in gegenseitiger Abhängigkeit. Ständeunterschiede sind an den Frauen zu sehen: Die Bauernfrau erscheint zum Beispiel ärmer und älter als die Frau des Kochs sowie von der körperlich harten Arbeit gezeichnet. Weibermacht in einer patriarchalen Arbeitswelt wird aber durch beide als unverzichtbare Unterstützer ihrer Männer repräsentiert.


Albrecht Dürer, Studie zu Tischbrunnenzeichnung, Detail: Bauer mit Gans, um 1500.
Bildnachweis: Wiewelhove, H.: Tischbrunnen. Forschungen zur Europäischen Tafelkultur, 2002, o.S..

Albrecht Dürer, Studie zu Tischbrunnenzeichnung, Detail: Bauer mit Gans, um 1500

Auf Tischbrunnen der Frühen Neuzeit werden Bauern oft auf humoristische Weise als Trinker dargestellt, um vor übermäßigem Alkoholkonsum zu warnen. Diese Vorstudie Dürers für einen Tischbrunnen stammt aus der Zeit um 1500.

Der Bauer sitzt auf einem Baumstumpf und hält mit dem rechten Arm eine Gans, die Hals und Kopf steil zum Himmel emporreckt. Mit der linken Hand umfasst der Bauer die Überreste des Baumstammes. Er ist in einfacher Kleidung dargestellt mit Turban auf dem Kopf. Seine Augen sind sehr dunkel und eindringlich. Ihm fehlen einige Zähne, der Bart ist lang und ungepflegt. Dürer zeigt ein realistisches Bild des Bauern in seiner Armut und charakterisiert in als wild und naturverbunden.

Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie (2.Aufl.). Wiesbaden 2008.

Brenner, Danica: Agnes Dürers Druckprivileg. Zehn Jahre Schutz der Werkstattrechte Albrechts, in: Tacke, Andreas; Irsigler, Franz (Hrsg.): Der Künstler in der Gesellschaft. Einführungen zur Künstlersozialgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2011.

Heidrich, Ernst (Hrsg.): Albrecht Dürers schriftlicher Nachlass. Berlin 1920.

Mezger, Werner: Narrenidee und Fastnachtsbrauch. Studien zum Fortleben des Mittelalters in der europäischen Festkultur. Konstanz 1991.

Schleif, Corine: Das pos weyb Agnes Frey Dürer. Geschichte ihrer Verleumdung und Versuche der Ehrenrettung. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 86 (1999) S. 47-80.

Schoch, Rainer; Mende, Mathias; Scherbaum Anna (Hrsg.): Albrecht Dürer. Das druckgraphische Werk. Band 1. Kupferstiche, Eisenradierungen und Kaltnadelblätter. München-London-New York 2001.

Wiesner, Merry E.: Working women in Renaissance Germany. New Brunswick 1986.

Wiewelhove, Hildegard: Tischbrunnen. Forschungen zur Europäischen Tafelkultur. Berlin 2002.

Wunder, Heide: „Er ist die Sonnʼ, sie ist der Mond“. München 1992.

Autorin: Amelie Gerhard