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Kulturtransfer im europäischen Mittelalter

„Kulturtransfer im europäischen Mittelalter“, DFG-Graduiertenkolleg 516

Abb.: Miniatur aus einem Manuskript von Beda Venerabilis‘ Vita sancti Cudbercti, 12. Jh.

Abb.: Miniatur aus einem Manuskript von Beda Venerabilis‘ Vita sancti Cudbercti, 12. Jh.

Interdisziplinäres DFG-Graduiertenkolleg 516 (zur Homepage)
Laufzeit: 1999-2008/09
Projektleitung (Kunstgeschichte): Prof. Dr. Heidrun Stein-Kecks

„Kulturtransfer im europäischen Mittelalter“ zeigt ein Forschungsprogramm an, das sich sowohl von der Rezeptions- als auch von der Einflußforschung unterscheidet. Die Rezeptionsforschung unterstellt die Vorbildlichkeit ihres Gegenstandes für einen aufnehmenden (soziologisch, regional oder historisch gefaßten) Gebrauchsraum; die Einflußforschung geht von einer faßbaren und abgegrenzten kulturellen Identität sowohl des Gebenden als auch des Nehmenden aus. Dagegen betont das Programm ‚Kulturtransfer‘ die Verlaufsformen und Bedingungen von Kulturimporten und -exporten, das heißt den Prozeß des Transfers selbst. Dabei liegt besonderes Gewicht auf den Verän­derungen und Verwerfungen, denen das Übertragene jeweils unterliegt.

Kulturtransfer kann im weitesten Sinne sowohl räumlich (z.B. von Ost nach West) als auch zeitlich (z.B. von der Antike ins Mittelalter) als auch sozial (z.B. von einer Experten- zu einer Laienkultur) verstanden werden. Diese Verständnisweisen sind jedoch nicht völlig gleichrangig. Wenn zeitliche oder soziale Verschiebungen von Kulturtechniken ohne räumlichen Aspekt bleiben, fallen sie unter andere Begriffe (Rezeption, Tradition usw.). Für den Kulturtransfer ist der räumliche Aspekt übergeordnet; soziale und zeitliche Verschiebungen ordnen sich der Bewegung im Raum notwendig zu, denn kein Kulturgut vermag ohne Träger in eine andere Region zu gelangen, und die Bewegung selbst erfordert Zeit. In diesem Sinne wurde ‘Transfer’ in erster Linie räumlich-regional verstanden und untersuchte das Kolleg die Verfestigung und Verschiebung oder Umbildung von Kulturräumen vor allem im mittelalterlichen West- und Mitteleuropa.

Auf dem Gebiet der Kunstgeschichte scheint der Transfer-Aspekt das Potential zur Ausbildung eines neuen Forschungs-Paradigmas zu besitzen. Heidrun Stein-Kecks leitete eine entsprechende Sektion „Vergleich – Austausch – Transfer“ auf dem Deutschen Kunsthistorikertag (2007). Die Auseinandersetzung mit der tradierten Lehre von regionalen oder lokalen ‚Schulen‘, ‚Stilen‘, ‚Kunstlandschaften‘ hat die Stipendiatin Simone Hespers in ihrer Dissertation zu einer Grundsatzanalyse der Problematik von ‚Kunstlandschaften‘ erweitert. Die Aneignung neuer Formen der italienischen Renaissance in der oberdeutschen Malerei ebenso wie der Bilderfindungen Dürers wurde exemplarisch am Werk des Ulmer Malers Martin Schaffners aufgezeigt in der Dissertation von Manuel Teget-Welz.